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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Familienwissenschaftliche Politikberatung

Max Wingen


Der erste Präsident des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, Dr. Paul Jostock, schenkte schon vor knapp einem halben Jahrhundert dem Thema der Familie und der Gestaltung ihrer Lebensumstände seine besondere Aufmerksamkeit. Bei seiner Beschäftigung mit den "Wandlungen im soziologischen Bild der deutschen Familie" - so der Titel seines Aufsatzes in den "Stimmen der Zeit" (153. Bd., 1953/54, S. 334 ff.) - fällt ein Dreifaches auf:

(1) Jostock mahnt sehr deutlich eine Verbesserung des sozialwissenschaftlichen Forschungsstandes in Bezug auf Familie an, die für ihn sogar zum "Aschenbrödel" der Sozialforschung herabgesunken sei, - "überschattet von den Interessenkämpfen sozialer Klassen und Gruppen, die hier als gestaltende Kräfte alle Weiterentwicklung zu bestimmen schienen", wie er dazu anmerkte. Wenn sich das nach dem Zweiten Weltkrieg zu wandeln scheine, so war dies für ihn noch kein Grund, in Euphorie zu verfallen. Denn schon drohe die Gefahr, "dass nun alles von der Familie redet und so ein billiges Allerweltsgespräch daraus wird, mit der Neigung zu vorschnellen Prognosen, die schließlich die Sache selbst wie auch die Wissenschaft in Misskredit bringen. Die erste Forderung muß daher lauten: nüchterne Erkenntnis dessen, was war und was ist" (eig. Hervorhebung). Damit wird auch eine grundlegende Voraussetzung für eine familienwissenschaftliche Beratung der Familienpolitik bezeichnet, die die Wirklichkeit familialen Zusammenlebens in ihren äußeren Voraussetzungen gestalten und familiale Handlungsspielräume auch in den Binnenstrukturen von Familien erweitern möchte. Dabei hat sie sich zunächst an dem zu orientieren, was wirklich ist - und nicht daran, was als vorgefasste Meinung oder als Wunschvorstellung vorschnell in Wirklichkeit umgedeutet wird.

(2) Unser Gewährsmann lässt unverkennbar eine Verbindung von grundsätzlichen gesellschaftstheoretischen und sozialethischen Positionen mit empirischer Orientierung (besonders auf dem Boden der amtlichen Statistik) erkennen. Er sieht sehr deutlich die Notwendigkeit der Verknüpfung von Analysen der Wirklichkeit mit einem Denken in Zusammenhängen und Ordnungen. Wenn er dabei dem Einfluss der wirtschaftlichen Faktoren besondere Bedeutung beimisst, so deshalb, weil sich hier ein besonders sinnfälliger Zugang zum Familienproblem namentlich in seiner langfristigen Entwicklung biete. Solange die Lebenshaltung der Familie mit Kindern weit unter derjenigen der kinderlosen Haushaltung liege, würden die Fragen wohl nicht zur Ruhe kommen, - womit er bis heute Recht behalten hat. Zur Schichtung der Einkommen nach ihrer Höhe hielt P. Jostock ein Jahr später fest (in: "Das Sozialprodukt und seine Verteilung", Paderborn 1955), ein befriedigendes Bild des Versorgungsstands oder des Lebensstandards biete die Schichtung der Familien- oder Haushaltseinkommen erst dann, wenn zugleich auch das verfügbare Einkommen je Haushaltsmitglied nachgewiesen werde. Dies zeigen eindrucksvoll neben Untersuchungen des DIW in Berlin gerade auch die Analysen der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle (wie sie in "Materialien und Berichten" dokumentiert werden und z.B. von E. Stutzer, "Einkommensverhältnisse junger Familien in Deutschland", in dem von B. Jans, A. Habisch u. E. Stutzer herausgegebenen Band "Familienwissenschaftliche und familienpolitische Signale", Grafschaft 2000, S. 433 ff., anschaulich vorgestellt werden).

(3) Zurückhaltend und eher kritisch war aber auch P. Jostocks Einstellung in der Bewertung der künftigen Entwicklung der Familie in der Gesellschaft. Zwar habe die Endkatastrophe des Zweiten Weltkriegs viele Menschen den unvergänglichen und unersetzbaren Wert der Familie neu erleben lassen und habe damit vorübergehend gefestigt, was gelockert war. Dennoch zögerte er, bereits auf eine "allgemeine Umkehr" zu schließen; vielmehr bleibe abzuwarten, ob die Hinwendung zur Familie Bestand habe oder ob Gegentendenzen nicht wieder obsiegten, wenn etwa eine lange, friedliche Wohlstandsentwicklung die Gemüter einschläfere. Eine wirkliche Wandlung in der Wertschätzung der Familie könne auf die Dauer nur aus einer Abkehr von dem der Familie so ungünstigen Zeitgeist erwartet werden. Es scheint knapp ein halbes Jahrhundert später, als ob Jostock auch insofern mögliche Entwicklungstrends nicht ganz falsch eingeschätzt hat. Beobachten wir doch inzwischen im Zuge eines durch starke Individualisierungsprozesse ausgelösten Bedeutungswandels der Familie eine unverkennbare Relativierung der gesellschaftlichen Bewertung der Familie.

Das sind kleine Vermächtnisse, die bis in die Gegenwart hineinreichen und die auch heute noch erwähnt zu werden verdienen. Im Folgenden seien aber zwei Punkte in den Vordergrund gerückt: einmal die Herausforderungen, die von der Familienpolitik an die familienwissenschaftliche Forschung ausgehen, und zum zweiten im Blick auf Beratungsansprüche von Praxis und Politik die bisherigen Grundlagen einer Familienwissenschaft, die mir erst auf dem Wege zu einer eigenständigen Disziplin zu sein scheint (Auf die dringend gebotene Einbeziehung des familiendemographischen Aspekts sei hier nur verwiesen, da er in einem besonderen Beitrag in diesem Handbuch "Bevölkerungsbewusste Familienpolitik als gesellschaftspolitische Aufgabe" behandelt ist).


Auf Rationalität bedachte Familienpolitik braucht familienwissenschaftliche Grundlagen

Familienwissenschaftliche Forschung, die nicht im Elfenbeinturm sitzen und nicht jeglichen Kontakt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit verlieren möchte, wird sich immer wieder um die Aufdeckung tatsächlicher familiärer Problemlagen und dadurch bedingter Beeinträchtigungen von Familien (in ihren unterschiedlichen äußeren Erscheinungsformen) bemühen müssen. Geht es doch darum, eine möglichst optimale Leistungsentfaltung der Familien gegenüber den einzelnen Familienmitgliedern, insbesondere den Kindern, wie auch gegenüber den größeren Gemeinschaften und der Gesamtgesellschaft sicher zu stellen. Im Blick auf die Gesellschaft, aber auch auf das gesellschaftliche Teilsystem Wirtschaft besitzt der täglich weithin im Verborgenen erbrachte und deshalb allzu oft vergessene Beitrag der Familien zur Humanvermögensbildung des Gemeinwesens besonderes Gewicht - ein Beitrag, von dem Wirtschaft und Gesellschaft meist in allzu großer Selbstverständlichkeit zehren und der erst dann wirkliche Aufmerksamkeit erregt, wenn er ausfällt. Die familienwissenschaftliche Forschung wird sich diesen und anderen grundlegenden Analysearbeiten - mit "aufklärerischer" Funktion - stellen müssen. Dies gilt aber auch für die Aufgabe, die familienpolitischen Entscheidungsprozesse, die weit weniger häufig, als man dies wünschen möchte, wirkliche Reformprozesse sind, kritisch zu begleiten und nach Möglichkeit wissenschaftlich zu orientieren.

Grundsätzlich ist heute eine auf die tatsächliche Familienpolitik gerichtete familienwissenschaftliche Grundlagenarbeit aus einer systematischen, auf mehr Rationalität bedachten Familienpolitik nicht mehr wegzudenken - und zwar nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf Länderebene und bis zur kommunalen Ebene hin. Selbst die EU-Kommission hat sich in den vergangenen Jahren mit dem "Observatorium für die nationalen Familienpolitiken" - heute "Europäische Beobachtungsstelle zur sozialen Situation, Demographie und Familie" - ein Organ für Informationsgewinnung mit Ansätzen auch einer Beratungsfunktion geschaffen. Für mehr Rationalität in der Familienpolitik und ihrer Weiterentwicklung erscheint der Beitrag der familienwissenschaftlichen Forschung bei der Zielbestimmung, beim Entwurf von Handlungsalternativen und bei Erfolgskontrollen getroffener familienpolitischer Maßnahmen unabdingbar. Durch Analysen dessen, was ist, kann sie das Problembewusstsein der Politiker erweitern helfen, durch Analyse der Handlungsoptionen aber auch zu größerer Klarheit über den tatsächlichen Handlungsspielraum beitragen.

Allerdings können die Vertreter der familienwissenschaftlichen Forschung nicht erwarten, dass ihre Ergebnisse und darauf gestützte Ratschläge ohne weiteres und unverändert übernommen werden, und zwar in einem Feld, das in aller Regel auch durch das historisch Gewordene mit vorgeprägt ist. Auch theoretisch klar durchdachte und in den Wirkungen möglichst durchschaubar gemachte Konzeptionen werden oft noch keineswegs unmittelbar ein politisches Programm darstellen können. O. von Nell-Breuning kam schon vor vielen Jahren sogar zu der bemerkenswerten Feststellung, theoretisch-doktrinäre Politik sei ein Unding, weil der Politiker nicht theoretisch-doktrinär, sondern pragmatisch verfahren müsse. Es könne kaum erwartet werden, dass der Politiker eine ihm in aller Reinheit und Klarheit vorgelegte Konzeption in eben dieser Reinheit und Klarheit durchführe; damit würde er wahrscheinlich mehr Trümmer aufhäufen als wirklich aufbauende Arbeit leisten.

Sehr wichtig erscheint ein kontinuierlicher Dialog von Politikern und wissenschaftlichen Beratern, um den fast unvermeidlichen Graben zwischen politischer Logik und Logik der jeweiligen Sachzusammenhänge zu überwinden. Dieser Dialog muss von der politischen Administration mit getragen werden, denn der auf Familienpolitikberatung bedachte Wissenschaftler wird oft den Politiker nicht unmittelbar und direkt erreichen. Er wird daher umso mehr Wert darauf legen müssen, dass die politische Administration, die die Entscheidungen des Politikers vorbereitet, seine Ergebnisse kennt und in der Aufbereitung der Problemlagen und der Entscheidungsvorbereitung angemessen berücksichtigt.

Familienwissenschaftliche Politikberatung ist deshalb bis zu einem gewissen Grade darauf angewiesen, dass sie bei den politischen Maßnahmenträgern sozial- und familienwissenschaftlich entsprechend vorgebildete Partner vorfindet, die die Transformationsaufgaben im Wissenschaft-Politik-Dialog übernehmen und auch z.B. bei Evaluierungen getroffener Maßnahmen sachkundig mitwirken. Die unter politischem Auftrag stehende Administration besitzt hier eine gewisse "Scharnierfunktion" zwischen dem unmittelbar entscheidenden Politiker und der Wissenschaft. Dabei ist sie allerdings nicht selten Bedingungen unterworfen, die die Strukturmerkmale einer wissenschaftlichen Tätigkeit weitgehend vermissen lassen und zu einer Einstellung nötigen, die den Bedürfnissen der politischen Praxis sehr viel mehr entspricht als Denkstilen und Arbeitsformen im wissenschaftlichen Bereich. Wissenschaftler im Feld der Politikberater sind verschiedentlich auch als "Brückenbewohner" bezeichnet worden - und diese leben übrigens erfahrungsgemäß oft gefährlich. Aber nicht nur sie stehen im Brückenbau, sondern bis zu einem gewissen Grade gilt dies auch für in der Transformationsaufgabe besonders engagierte Angehörige der politischen Administration.

Manche familienwissenschaftlichen Präsentationen sind von politischen Entscheidungsträgern keineswegs immer erwünscht - in manchen Fällen können die Verständigungsprobleme schon bei der unterschiedlichen Sprache in Wissenschaft und Praxis beginnen (was ein eigenes Thema wäre). Als wichtiger erweist sich häufig ein unzureichendes wechselseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Handlungsbedingungen, unter denen Wissenschaftler und Politiker stehen. Hier wird ein gewisses Dilemma der familienwissenschaftlichen Politikberatung unter den Bedingungen unserer real existierenden parlamentarisch-repräsentativen Demokratie sichtbar, was die Durchsetzung an sich durchdachter und abgesicherter Vorschläge angeht: Aus familienwissenschaftlicher Sicht im Blick auf rationale Gestaltung familialer Lebensprozesse können und werden sich oft Anforderungen an eine konkrete Familienpolitik ergeben, die auf Kohärenz der Maßnahmen und Langfristigkeit der Wirkungen hin ausgerichtet sind, aber einer "politischen Rationalität" im Kampf um politische Mehrheiten eher zuwiderlaufen. Die politischen Gruppierungen und ihre Vertreter sind in der Konkurrenz um Wählerstimmen nicht ohne weiteres für sachrationale, kohärente und langfristig angelegte Politikansätze zu gewinnen. Wer darauf gerichtete Botschaften in die praktische Familienpolitik einzubringen versucht, muss immer wieder einmal damit rechnen, nicht auf besondere Gegenliebe zu stoßen.

Dies kann dann dort besonders prekär sein, wo der Adressat der Beratung zugleich der Hauptfinanzier der Beratungsarbeit ist. Eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit der Träger familienwissenschaftlicher Forschung ist zwar keine unbedingt notwendige, aber doch eine die fruchtbare Kooperation von familienwissenschaftlicher Forschung und Familienpolitik begünstigende Voraussetzung. Familienwissenschaftliche Beratung setzt eine einigermaßen gesicherte, dauerhafte Infrastruktur voraus, die eben nicht durch eine immer wieder neue Aneinanderreihung von kurzfristigen Projektmitteln ersetzt werden kann. Im Übrigen hat sich im Dialog von Familienwissenschaft und praktischer Politik grundsätzlich ein Verfahren bewährt, wie es bei den regelmäßigen Familienberichten der Bundesregierung seit dem Zweiten Familienbericht von 1975 üblich ist, dass nämlich möglichst sauber getrennt wird zwischen politikberatender Analyse durch eine insoweit unabhängige Sachverständigenkommission und der dazu abgegebenen politischen Stellungnahme.

Der Hinweis auf unterschiedliche Handlungsbedingungen gilt nicht zuletzt für die unterschiedlichen Zeithorizonte von Wissenschaftlern und Politikern; die Uhren in beiden Handlungsfeldern gehen offensichtlich anders. Die wissenschaftliche Politikberatung kann hier dazu beitragen, die Zeitperspektive der praktischen Politik systematisch zu erweitern und dem Familienpolitiker die Wichtigkeit längerfristiger Planungshorizonte zu verdeutlichen. Das gilt erst recht in dem durch die sog. "demographische Trägheit" gekennzeichneten demographischen Feld.

Für die in der familienwissenschaftlichen Forschung und in der Familienpolitik jeweils Handelnden können sich aber auch aus ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen sehr unterschiedliche Formen der Reduktion von Komplexitäten von Problemlagen ergeben. Das kann wiederum zu Verständigungsproblemen führen über das, was jeweils als wirklich relevant angesehen wird. Auf diese und andere für eine effiziente Politikberatung wichtige Zusammenhänge kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Aber solange die kritische Begleitung der tatsächlichen Familienpolitik sachbezogen bleibt und wissenschaftliche Orientierungshilfen "realistische Utopiequanten" nicht übersteigen, wird eine an dauerhafter Beratung - und nicht an "Hofberichterstattung" - interessierte Familienpolitik auch mit einer solchen kritischen Begleitung leben müssen - und auch können.

Nicht nur die familienpolitische Praxis bedarf der familienwissenschaftlichen Orientierungshilfen, sondern auch die Familienwissenschaft bedarf zur Abklärung neuer Denkansätze nicht selten der Praxis. Ferner muss auf der Seite der beratenden Wissenschaft z.B. das nötige Verständnis für nicht selten bestehende politische Zwangssituationen - u.U. bis hin zu nicht überwindbaren Koalitionszwängen - vorausgesetzt werden. Freilich muss immer wieder damit gerechnet werden, dass im interessenpolitisch besetzten politischen Alltag keine ernsthafte Beratung gewünscht wird, die dann vielleicht auch sehr erwägenswerte Alternativen aufzeigen würde. Vielmehr wird das Ziel verfolgt, die eigene, bereits festliegende Auffassung - nicht selten also auch Vorurteile - bestätigt zu erhalten und zusätzlich zu legitimieren. Insofern wird eine gewisse Spannung zwischen den wissenschaftlichen Möglichkeiten und Ansprüchen einerseits und den Bedürfnissen und Begrenztheiten der praktischen Situation andererseits wohl stets bestehen bleiben. Sie leugnen oder beseitigen zu wollen erschiene gefährlich illusionär. Sie möglichst rational zu bewältigen stellt dagegen eine der zentralen Gestaltungsaufgaben im Beziehungsverhältnis von Familienwissenschaft und praktischer Familienpolitik dar. Hier sind beide Seiten in die Pflicht genommen. Freilich sollte dabei stets auch der schon von I. Kant gegebene Hinweis bedacht werden, dass die Notwendigkeiten des Handelns immer sehr viel größer sind als die Möglichkeiten des Erkennens.

Im Übrigen gilt es, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass ein vorgefundenes Familienpolitik-"System" eben in aller Regel nicht am Reißbrett der Familienpolitik-Lehre entworfen worden ist. Vielmehr ist es historisch - oft unter wechselnden politischen Mehrheiten - gewachsen. So ist es mit allen dadurch bedingten und nicht immer Rationalitätsanforderungen voll entsprechenden Regelungen gekennzeichnet, die im Einzelfall vielleicht auch wenig übersichtlich und durch politische Kompromisse entstellt sind. Familienwissenschaftliche Familienpolitikberatung wird diese Gegebenheiten in Rechnung stellen und unverdrossen auf schrittweise Weiterentwicklungen in Richtung auf einen systematischen Gesamtentwurf bedacht sein müssen.

Vor allem wird der auf Beratung verpflichtete Wissenschaftler nicht der Gefahr erliegen dürfen, "selbst Politik machen zu wollen". Dies kann auch mittelbar in einem mehr oder weniger stillen Kampf (auch zwischen einzelnen Wissenschaftlern) um die Deutungshoheit für einschlägige Begriffe seinen Ausdruck finden. Denn über deren inhaltliche Füllung wird mittelbar Wirklichkeit mit beeinflusst, und daran sind oft auch diejenigen interessiert, die nicht unmittelbar an der Ausübung politischer Macht beteiligt sind.

Auf Effizienz bedachte politikorientierte familienwissenschaftliche Forschung sollte noch auf einen anderen Gesichtspunkt achten, der nicht unwichtig erscheint: Auch eine familienwissenschaftlich untermauerte familienorientierte gesellschaftliche Ordnungspolitik (bis hin zu den von ihr zu gewährleistenden Bildungshilfen und Beratungsdiensten) muss in unserer demokratischen Ordnung mehrheitsfähig sein. Man mag fragen, ob Mehrheiten allein erkennen können, welche Familienpolitik die sozialisationspolitisch (und z.B. auch geburtenpolitisch) vernünftige Politik ist. Können Mehrheiten allein die Grenze ausmachen, an der die elementare Gefährdung einer zukunftsfähigen familienorientierten Gesellschaftsordnung beginnt? Gibt es nicht auch im Feld familienbezogener gesellschaftlicher Ordnungspolitik - wie in gewisser Parallele für die Wirtschaftsordnung wiederholt eindringlich formuliert worden ist - den Punkt, an dem die Qualität schlechter Tagespolitik (in unserem Falle von Familienpolitik) in eine die Gesamtordnung schwächende Qualität umschlägt? Orientierungshinweise sollen hier ja gerade deshalb aus einer unabhängigen, soliden familienwissenschaftlichen Forschung kommen - freilich auch unter Einbezug sozialethischer Einsichten aus politischen Grundorientierungen, die jenseits tagespolitischer Interessenlagen die langfristigen Belange des Gemeinwesens im Auge behalten.

Damit aber die familienwissenschaftliche Arbeit im Anspruch der Praxisrelevanz entsprechendes Gehör findet, ist es wichtig, dass die Verbindung zur Wissenschaftspublizistik gefunden und systematisch gepflegt wird, was in der allgemeinen Wirtschaftspolitik zur geläufigen Vorstellung gehört. Dies erscheint unerlässlich, wo in der Öffentlichkeit das Verständnis für die Bedeutung einer familienorientierten Gesellschaftsordnungspolitik überhaupt geweckt werden soll. Familienpolitikberatung vollzieht sich nicht zuletzt - in einer sog. "Mediendemokratie" in besonderer Weise - über die öffentliche Meinungsbildung. Familienpolitikberatung ist ja im Grunde erst dann effizient, wenn wissenschaftliche Einsichten in tatsächliche Politik umgesetzt werden, und zwar in Politik, die auch von Mehrheiten akzeptiert wird. Dazu kann seriöse Publizistik als Teil eines öffentlichen Dialogs wesentlich den Boden vorbereiten. Außerdem mag die Wissenschaftspublizistik im Einzelfall auch eigenständige Beiträge liefern, die ergänzend zu einem familienwissenschaftlich vorbedachten Konzept hinzutreten. Ein solches braucht für seine Umsetzung nach den vorliegenden Erfahrungen jedenfalls einen "publizistischen Feuerschutz" in einer Presselandschaft, die auch von familienfremden und sogar familienfeindlichen Grundtendenzen mit geprägt wird.


Interdisziplinär orientierte Familienpolitikberatung tut Not

Besonders wichtig erscheint im Wissenschaft-Politik-Dialog sodann eine ausreichende Beachtung interdisziplinärer Ansätze in der familienwissenschaftlichen Forschung. Interdisziplinarität in der Familienwissenschaft bedeutet, Familienprobleme durch die Brille unterschiedlicher wissenschaftlicher Ansätze zu untersuchen, womit letztlich ein schärferer Blick auf die Probleme gewonnen wird. Als Beispiel für die Notwendigkeit einer interdisziplinären Fundierung von Erklärungsansätzen für familiäre Verhaltensweisen kann die verschiedentlich herausgearbeitete, im Ergebnis begrenzte Aussagekraft der Ökonomischen Theorie der Familie etwa für das Geburtenverhalten angesehen werden. Das interdisziplinäre Vorgehen bedingt dabei Kommunikation zwischen den Vertretern der einzelnen Disziplinen, die ihre je eigene Sichtweise, aber eben auch ihren "nur partikulären Blick" einbringen. In der Addition, mehr noch: in der wechselseitigen Verknüpfung ergibt sich erst ein Gesamtbild von Familie und Familienproblemen, aus dem sich vertiefte und umfassendere Einsichten ergeben, als der einzelne Fachvertreter durch seine spezielle Brille hätte gewinnen können. Dies setzt allerdings die Bereitschaft voraus, in gewissem Grade "disziplinäre Scheuklappen" abzulegen. Aber auch die Fächergrenzen sind durchlässiger zu machen, und erst recht sind methodische Engführungen zu vermeiden.

Ein besonderes Problem liegt darin, im Dialog zwischen den Disziplinen die Bedeutung der verschiedenen disziplinären Brillen problembezogen richtig abzuwägen, um ein oft komplexes Problem der Familie als Einheit - in Teilen vielleicht sogar als widersprüchliche Einheit - erfassen zu können. Gibt es so etwas wie eine "interdisziplinäre Brille" oder muss sie noch erfunden werden? Kann es sie überhaupt geben? Mit dem Verweis auf die "ganzheitliche" Erfassung des Gegenstands Familie allein ist allerdings noch keine Erkenntnis gewonnen, sondern wird nur das Bewusstsein für die Notwendigkeit geschärft, sich darum durch Integration der vorhandenen Detailansätze und -lösungen zu bemühen.

Ein interdisziplinärer Ansatz erscheint besonders wichtig für anwendungsbezogene, politikrelevante Analysen von Familien und familialen Lebenssituationen. Er ist deshalb so wichtig, weil immer wieder daran zu erinnern ist, dass die Lebenseinheit "Familie" von einzelnen Teildisziplinen nur begrenzt erfasst werden kann. Erst ein möglichst weitgehender interdisziplinärer Ansatz in der familienwissenschaftlichen Forschung wird dem Querschnittscharakter einer familienbezogenen Gesellschaftspolitik mit einer in sie integrierten ganzheitlichen Familienpolitik gerecht. Wenn die soziale Wirklichkeit von Familien im wissenschaftlichen Zugang zwar sehr scharf, aber typischerweise eben auch nur aspekthaft in der Betrachtungsweise einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin eingefangen wird (während der handelnde Politiker es mit der vollen Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu tun hat), erscheint in der Familienpolitikberatung die dem jeweiligen Lebenssachverhalt angemessene Interdisziplinarität (auch von Beratungsgremien) um so wichtiger, damit das Monopol einzelner wissenschaftlicher Disziplinen vermieden wird. Auch dann bleibt immer noch die grundsätzliche Schwierigkeit zu bedenken, dass Wissenschaftler stets nur relative Aussagen machen können - aber keine absoluten, wie sie der Politiker im Grunde erwartet.

Die Forschungsarbeit im Bereich Familie hat in der sozialwissenschaftlichen Diskussion erst in jüngerer Zeit zur Anbahnung eines eigenen familienwissenschaftlichen Forschungsansatzes als Zusammenfassung einer Reihe von familienbezogenen wissenschaftlichen Disziplinen geführt (insbesondere von Familienökonomik, Familiensoziologie, Familienpsychologie, Familiendemographie, Familienrecht). Eine besondere, wenn auch nicht allein dominierende Bedeutung ist hier - gerade auch für die theoretische Fundierung der Familienpolitik - der Ökonomik der Familie beizumessen. Von deren wenigen Vertretern ist in der Vergangenheit mit Recht festgehalten worden (so etwa in der von H.-G. Krüsselberg u.a. in Zusammenarbeit mit der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg 1986 vorgelegten Studie "Verhaltenshypothesen und Familienzeitbudgets. Die Ansatzpunkte der 'Neuen Haushaltsökonomik' für Familienpolitik"), dass die traditionelle Wirtschaftswissenschaft im Grunde gedankenlos die gesellschaftlich zentralen produktiven Leistungen der Familie als einer auch ökonomischen Institution verkennt. Ferner stellt das in ihr immer noch vorherrschende Modell von Familie als einer eher unproduktiven Konsumeinheit eine die soziale Wirklichkeit im Grunde verfälschende Vereinfachung dar, weil es die erheblichen "Investitionsprozesse" in den Familien schlicht übersieht. Ebenso unterschätzt sie die volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienarbeit, die sich durchaus messen lässt und die schon P. Jostock in einer frühen Arbeit über das Sozialprodukt und seine Verteilung als eine der wichtigsten und wertvollsten Leistungen der ganzen Volkswirtschaft einschätzte. So kann es kaum überraschen, wenn im Fünften Familienbericht der Bundesregierung ("Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens", Bonn 1994) mit detaillierten Berechnungen dargetan wird, dass Familien - auf der Basis sehr unterschiedlicher Lebenslagen und -verläufe - durch die Geburt, Erziehung und Versorgung von Kindern einen Beitrag zur Humanvermögensbildung erbringen, der für einen 500.000 Menschen umfassenden Geburtsjahrgang (bis zum 18. Lebensjahr und bei Annahmen für den Betreuungsaufwand an der unteren Grenze) auf 200 Mrd. DM veranschlagt wurde (S. 64).

Familienwissenschaft im Anspruch der Familienpolitikberatung muss sich, wie die gerade betonte Notwendigkeit interdisziplinärer Ansätze verdeutlicht haben sollte, darauf befragen lassen, inwieweit sie diesen Anforderungen gerecht werden kann. Hier liegen noch teils unbewältigte Aufgaben, deren Lösung eine Herausforderung für die nächste Zukunft darstellt. Noch ist die familienwissenschaftliche Forschung erst auf dem Wege zu einem eigenständigen interdisziplinär orientierten Fach Familienwissenschaft. Der weitere Weg dorthin könnte - und sollte - künftig durch die für Deutschland erstmalig eingerichtete spezielle Professur für Familienwissenschaft an der Universität Erfurt gefördert werden (Stiftungs-Professur der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung).

Ein wenigstens kurzer, durchaus auch kritischer Hinweis erscheint angebracht im Hinblick auf das Verhältnis von familienwissenschaftlicher und familienpolitikrelevanter Analysearbeit einerseits und haushaltswissenschaftlicher und haushaltsführungsrelevanter Forschungstätigkeit (zum privaten Haushalt) andererseits. Hier wurde und wird teils in Kenntnis der beiderseitigen Arbeitsinhalte, teils aber auch ohne den an sich möglichen (und wünschenswerten) wechselseitigen Bezug nebeneinander gearbeitet - oft in unterschiedlichen Akzentuierungen mit inhaltlich ähnlicher Ausrichtung. Im Interesse der weiteren Festigung des Standorts beider Forschungsbereiche in der Wissenschaftslandschaft und in der Politikberatung könnte man sich Strukturen einer verstärkten Kooperation mit im Einzelfall auch gemeinsamem Vorgehen aller Beteiligten vorstellen. So wäre z.B. auf mittlere Sicht die Schaffung einer "Arbeitsgemeinschaft familien- und haushaltswissenschaftlicher Forschungseinrichtungen" im Auge zu behalten, die dann diesen Arbeiten tendenziell wohl auch ein größeres Gewicht im wissenschaftlichen Raum und im Feld der Politik verleihen könnte. Wie vorliegende Befragungsergebnisse zeigen (M. Wingen 2001), ist bei der großen Mehrheit der einschlägigen Forschungseinrichtungen eine grundsätzliche Kooperationsbereitschaft durchaus vorhanden, aber wie häufig bremsen nicht zuletzt begrenzte Ressourcen die Bereitschaft zu ersten Initiativen.


Schlussbemerkung

Insgesamt münden die Überlegungen zur Familienwissenschaft im Anspruch der Familienpolitikberatung ein in übergreifende gesellschaftspolitische Zusammenhänge, aber auch in Einsichten über immer wieder anzutreffende Blockierungen zukunftsbezogener Entwicklungen - allzu oft bedingt durch eine Gemengelage divergierender und rivalisierender Partikularinteressen und teils erstarrter Strukturen.

Ähnlich wie in anderen Bereichen des politischen Systems ist auch das familienpolitische Handlungsfeld in weiten Teilen vor allem durch Vollzugsdefizite und weniger durch Erkenntnisdefizite gekennzeichnet. Deshalb sollte eine wohlverstandene Familienpolitikberatung stets darauf bedacht sein, die Ergebnisse eines maßnahmenbezogenen Auftrags möglichst so weit zu konkretisieren, dass der Schritt zur gesetzlichen oder verwaltungsmäßigen Umsetzung nicht mehr weit ist.

Familienwissenschaft im Anspruch der Familienpolitikberatung wird im Übrigen oft einen langen Atem nötig haben und einen "Erfolg" auch dort sehen können, wo die Ergebnisse ihrer Analysen über den Umweg der Rezeption solcher Ergebnisse in der einschlägigen verbandspolitischen Meinungsbildung oder auf kaum noch nachzuzeichnenden Pfaden der öffentlichen Meinung die familienpolitische Entwicklung beeinflussen. Hier können oft lange Zeiträume im Spiel sein, bei denen am Ende der ursprüngliche Beratungsansatz kaum noch im Bewusstsein der Beteiligten ist. Dazu sei einmal daran erinnert, was für das Feld der Wirtschaftspolitikberatung ein früheres Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (W. Franz) im Blick auf solche Erfahrungen festgehalten hat und was sich auch auf Träger familienwissenschaftlicher Politikberatung übertragen lässt: Einschlägigen Frustrationen beugten wirtschaftspolitische Berater am ehesten dadurch vor, dass sie diesen Gang der Dinge mit heiterer Melancholie hinnehmen anstatt ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein zu verinnerlichen.

Familienwissenschaft im Anspruch der Familienpolitikberatung sollte sich freilich auch weiterhin bewusst bleiben, dass nur eine umfassende, ganzheitliche und vor allem durch einen gesellschaftsreformerischen Ansatz gekennzeichnete Familienpolitik des ungebrochenen Einsatzes Wert ist. Der zu Eingang zitierte erste Präsident des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, Paul Jostock, bedachte auch schon damals die aktive gesellschafts- und familienpolitische Gestaltung der Lebensbedingungen der Familien und ihrer Wechselbeziehungen zur Gesellschaft, wie z.B. eine Mitte der 1960er Jahre erschienene Rezension einer Monographie zur Familienpolitik zeigt (in: Die Neue Ordnung, H. 1/1965, S. 68 f.): Dort hielt er im Blick auf die umfassende Bearbeitung des Gegenstandsbereichs der Familienpolitik für die textliche Gestaltung der Arbeit fest, dass sie keinen Raum lasse "für Sentimentalitäten, die sich bei dem Thema gern einschleichen". Mit voller Zustimmung unterstreicht er, "dass die planmäßige Sicherung eines angemessenen wirtschaftlichen Lebensraums der Familie nicht den weiteren Schritt zum Kollektivismus bedeutet, sondern dass im Gegenteil die Unterlassung auf die Dauer mit innerer Folgerichtigkeit in eine Verstärkung kollektivistischer Tendenzen umschlagen müsste". Ähnliches gelte hinsichtlich der in der Aufbauzeit der staatlichen Familienpolitik zeitweise etwas zu kurz gekommenen Subsidiarität, die auf die Dauer aus dem Prozess eher gestärkt und gesichert herausgehen werde.

Großes Verständnis zeigte Jostock für die Forderung (von H. Thielicke), dass - da Gesinnung sich nicht anordnen lasse - bei dringendem Bedarf etwa im Zusammenhang mit freiwilligen sozialen Diensten für Familien der kollektive Wille der Rechtsgemeinschaft das verordne, was die Gesinnung allein von sich aus nicht mehr leiste. "Wären wir in dem Punkte", so meint er seinerzeit, "nicht so zaghaft oder allzu nachgiebig gegenüber einem nur scheinbar auf allgemeinen Prinzipien fußenden Widerstand der Interessen, so hätte z.B. auf dem Gebiet der sozialen Frage in den vergangenen hundert Jahren manches wohl etwas anders verlaufen können, als es nun der Fall war".


Anmerkung

Dieser Artikel ist zugleich eine Erinnerung an Dr. Paul Jostock, den ersten Präsidenten des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg. Hier wurde später (1982) die Familienwissenschaftliche Forschungsstelle eingerichtet, die mit ihren Analysearbeiten auch Aufgaben der Familienpolitikberatung insbesondere auf Landesebene wahrnimmt.


Literatur

Max Wingen: Bedingungen und Probleme sozialwissenschaftlicher Familienpolitikberatung, in: ders., Zur Theorie und Praxis der Familienpolitik, Frankfurt a.M. 1994, S. 103-122.

ders.: Familien- und haushaltswissenschaftliche Forschungseinrichtungen signalisieren begrenzte Interdisziplinarität und Kooperationsbereitschaft, in: Zeitschr. f. Familienforschung, H./2001, S. 89-95.

ders.: Familienpolitische Denkanstöße - Sieben Abhandlungen, Grafschaft 2001.


Letzte Änderung: 18.06.2004 14:37:13Zum Seitenanfang