Deutscher Bundesjugendring
Der Deutsche Bundesjugendring hat ein Grundsatzpapier vorgelegt, welches das Ziel verfolgt, eine Standortbestimmung der Jugendverbands- und Jugendringarbeit in Deutschland vorzunehmen. Damit wollen die Jugendverbände als "Seismographen der gesellschaftlichen Entwicklung" ihr Arbeitsverständnis im Wechselverhältnis zur gesellschaftlichen Entwicklung reflektieren und definieren.
Jugendverbände sehen sich einer wachsenden und sich ausdifferenzierenden Anzahl jugendkultureller Milieus gegenüber, auf die sich die Angebote der Jugendverbände beziehen. Dabei sind Jugendverbände nicht nur milieuintegrierend, sondern zugleich milieustiftend. Die Stärke der Jugendverbände und insbesondere ihrer Zusammenschlüsse, der Jugendringe, liegt darin, dass sie eine breite Konzept- und Wertevielfalt als Angebote an die Kinder und Jugendlichen zur Verfügung stellen können. Dies spiegelt sich wider in der Vielfalt der
- konfessionellen Verbände: ihr politisches, pädagogisches und spirituelles Handeln orientiert sich am Evangelium und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz;
- humanitären Verbände: bei ihnen ist der Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit aller Menschen von grundlegender Bedeutung;
- gewerkschaftlichen Verbände: zentraler Bezugspunkt ist hier die Orientierung am Beschäftigungsverhältnis und der dort anknüpfenden Interessenvertretung;
- politischen Verbände: bei ihnen steht eine bestimmte Gesellschaftsanalyse und eine damit verbundene Zukunftsvision im Vordergrund;
- auf den ländlichen Raum bezogenen Verbände: bei ihnen bildet der Bezug zum ländlichen Raum, früher stärker zur Landwirtschaft, den Mittelpunkt;
- auf das Geschlecht bezogenen Verbände: bei ihnen bilden Mädchen/junge Frauen oder Jungen/junge Männer den Ausgangspunkt der Arbeit, die geschlechtshomogen geleistet wird;
- naturbezogenen Verbände: für sie bildet die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen das organisierende Prinzip;
- kulturbezogenen Verbände: bei ihnen stehen im weiteren Sinne auf die eigene oder fremde Kulturen bezogene Aktivitäten im Vordergrund;
- freizeit- und körperorientierten Verbände: den Ausgangspunkt bilden hier freizeit- und körperbezogene Aktivitäten, die sozialen und politischen Bildungszielen dienen sowie
- Pfadfinder-innenverbände: bei ihnen bilden die historisch gewachsenen Prinzipien der Pfadfinderei den Ausgangspunkt des Selbstverständnisses.
Aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen sehen sich die Jugendverbände neuen Herausforderungen gegenüber, die in gewisser Weise eine "Standortdebatte" der Jugendverbandsarbeit erforderlich machen. Deshalb werden die verschiedenen Tätigkeitsfelder der Jugendverbandsarbeit ebenso einer kritischen Reflexion unterzogen wie die Umsetzung des Selbstverständnisses "Jugendarbeit und -politik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe". Positionen zum heutigen Mitgliedsverständnis in Jugendverbänden werden entwickelt und die Arbeit der ehren- und hauptamtlichen Kräfte der Jugendverbände ebenso dargestellt, wie Aufgaben der Jugendringe charakterisiert werden. Abschließend finden sich 25 Thesen zum Selbstverständnis der "Jugendverbände in der
Bindestrich-Gesellschaft":
Jugendverbände in der Bindestrich-Gesellschaft
- Jenseits der Individualisierungstendenzen prägen weiterhin Milieus unsere
Gesellschaft.
- Menschen mit ähnlichen Merkmalen bilden Milieus und damit auch Sozialräume, die ihr wesentliches Bezugsfeld bilden. Dies betrifft selbstverständlich Menschen jeden Alters und damit auch Kinder und Jugendliche.
- Die Jugendverbände müssen sich auf mehr und sehr unterschiedliche jugendkulturelle Milieus einstellen.
- Die Vervielfältigung dieser Milieus erfordert bei den Jugendverbänden neben
der pluralen Breite in ihrer Gesamtheit zunehmend auch eine stärkere Binnenpluralität.
Strukturen und Funktionen von Jugendverbänden - neue Entwicklungen und bewährte Grundlagen
- Jugendverbände sprechen Kinder und Jugendliche mit all ihren Fähigkeiten an, da die Ganzheitlichkeit des Lernens im Vordergrund steht und sie somit eine "soziale Heimat" bieten.
- Jugendverbände sind und bleiben Selbstorganisationen von Kindern und Jugendlichen, bei denen die Mitgliedschaft freiwillig ist und aufgrund der verschiedenen Verbandsprofile viele spezifische Identifikationsmöglichkeiten geschaffen werden.
- In den Jugendverbänden erfolgt zu einem großen Teil Gleichaltrigen-Erziehung, die Hierarchien kaum entstehen lässt und große Möglichkeiten zur Selbstgestaltung beinhaltet.
- Jugendverbände stellen der Individualisierung, die in unserer Gesellschaft immer stärkere Ausmaße annimmt, ganz bewusst Gemeinschaft und Solidarität gegenüber.
- Die Aktivitäten der Jugendverbände müssen sich in dem Dreiecksverhältnis Freizeit - Bildung - politische Interessenvertretung bewegen, wobei die Freizeitorientierung an Bedeutung gewonnen hat. Konkret bedeutet dies, dass auf jeden Fall auch die Möglichkeit zum "nur" geselligen Beisammensein bestehen muss.
- Die Jugendverbände sehen sich gleichzeitig zwei Hauptlinien der Jugendverbandsnutzung gegenüber: Zum einen gibt es unter den Kindern und Jugendlichen einen wachsenden Anteil von "Gruppennomaden", die von kurzfristigem Angebot zu kurzfristigem Angebot wechseln, und zum anderen hat aber der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die für zwei bis sechs Jahre in stabilen Gruppen zusammen sind, weiterhin, allen Unkenrufen zum Trotz, große Bedeutung.
Das heutige Mitgliedsverständnis der Jugendverbände
- Die Mitgliedschaft der Jugendverbände hat sich im Durchschnitt verjüngt; sie erreichen heute stärker Kinder, während der Bereich der 16- bis 18jährigen eher zurückgeht.
- Die Formen der Mitgliedschaft haben sich stärker vervielfältigt; neben den verbindlichen, langfristigen Mitgliedschaften haben temporäre Formen der Mitgliedschaft an Bedeutung gewonnen.
- Die verschiedenen Jugendverbände haben von ihrer Mitgliedschaft her in der Regel einen Schwerpunkt in verschiedenen Teilen der jugendlichen Bevölkerung.
Unverzichtbare Dreh- und Angelpunkte - die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendverbände
- Die Tätigkeit der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleibt ein konstituierendes und unverzichtbares Element der Jugendverbandsarbeit.
- Notwendig ist eine stärkere gesellschaftliche AnEHRkennung für die ehrenamtlich
Tätigen.
- Die wachsenden Anforderungen an die Jugendverbandsarbeit und die sie tragenden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfordern allerdings auch einen Ausbau bei den Hauptamtlichen. Ihnen kommt eine zentrale Bedeutung bei der Aus- und Fortbildung und der Beratung sowie bei den koordinierenden und verwaltenden Tätigkeiten zur Entlastung der Ehrenamtlichen zu.
- Die einschlägigen Fachrichtungen an den Hochschulen müssen eine gezielte und praxisnahe Ausbildung für das Einsatzfeld Jugendverbandsarbeit gewährleisten.
Funktionen und Aufgaben der Jugendringe
- In Wahrnehmung der Interessen von Kindern und Jugendlichen wirken die Jugendringe auf die politische Willensbildung in Legislative und Exekutive ein, gestalten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Jugendarbeit wesentlich mit, entwickeln unter Beachtung der Verbandsautonomie gemeinsame Positionen und repräsentieren die Jugendverbandsarbeit im Bereich des Internationalen Jugendaustauschs.
- Die Jugendringe nehmen ausgehend von ihrem Verständnis von Politik mit und für Kinder und Jugendliche ein allgemeines politisches Mandat wahr.
- Die enge Zusammenarbeit der weltanschaulich sehr unterschiedlichen Jugendverbände in den Jugendringen hat gesellschaftspolitischen Modellcharakter.
Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit für Jugendverbände und Jugendringe
- Öffentlichkeitsarbeit wird in Zukunft noch stärker die Funktion erhalten, Kommunikationswege zur inner- und außerverbandlichen Öffentlichkeit bereitzustellen.
- Eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit erfordert eine genaue Klärung der gewünschten internen wie externen Zielgruppen und ihre angemessene Ansprache.
- Jugendverbände und Jugendringe verfügen von ihrer Geschichte und ihrem Wertekonzept her über eine ausgeprägte Identität und dazugehörige Verbandsembleme, die sich gut zur Umsetzung in einem jeweils spezifischen und gleichzeitig vereinheitlichten Erscheinungsbild eignen.
Jugendorganisationen - Jugendpolitik - Staat
- Jugendpolitik und Jugendarbeit werden heute gern mit zu großen Erwartungen und "Aufträgen", die nur gesamtgesellschaftlich - durch die Schaffung von Ausbildung, Arbeit, Wohnraum und ausreichende Freizeitmöglichkeiten für alle Kinder und Jugendlichen - gelöst werden können, überfrachtet. Jugendpolitik und Jugendarbeit aber dürfen nicht zum Alibi einer verfehlten Gesellschaftspolitik gemacht werden.
- Jugendarbeit und Jugendpolitik müssen eine gleichmäßige, kalkulierbare, ja eher noch antizyklische Unterstützung und Förderung durch den Staat erfahren, um in krisenhaften Zeiten auf die zusätzlichen Anforderungen angemessen reagieren zu können.
Jugendhilfestatistik: Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit
Jugendarbeit stellt einen bedeutenden Teil der gesellschaftlichen Arbeit dar, die in unserem Land geleistet wird. Sie wird überwiegend von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, also freiwillig und unbezahlt, geleistet. Die Bundesjugendhilfestatistik wird alle vier Jahre vom Statistischen Bundesamt in Kooperation mit den Statistischen Landesämtern erhoben. Die letzten aktuellen Zahlen beziehen sich auf Erhebungen des Jahres 2000. Nach Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes fanden im Jahre 2000 116.650 Maßnahmen der Jugendarbeit statt. Im Vergleich zu 1996 ist dies ein Rückgang um rund 11 %. Diese Form der Jugendhilfe leistet neben Elternhaus und Schule einen wichtigen Beitrag, um junge Menschen in ihrer Entwicklung zu fördern. Hier sollen sie lernen, Tätigkeiten der Jugendarbeit aktiv mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen und sich sozial zu engagieren.
An den Maßnahmen beteiligten sich 4,5 Millionen junge Menschen. 51 Prozent der Aktivitäten dienten der Kinder- und Jugenderholung, 32 Prozent der außerschulischen Jugendbildung, 5 Prozent standen im Zeichen internationaler Jugendarbeit und 12 Prozent wurden zur Mitarbeiter-innenfortbildung bei Trägern der freien Jugendhilfe durchgeführt. Die kurzfristigen Maßnahmen überwogen: Über zwei Drittel dauerten bis zu einer Woche, 18 Prozent zwischen einer und zwei Wochen und 12 Prozent länger. Im Durchschnitt nahmen an einer Veranstaltung 39 Personen teil.
Internationale Jugendarbeit führte junge Menschen aus Deutschland mit Jugendlichen aus anderen Staaten zusammen, und zwar hauptsächlich aus Frankreich (18 Prozent aller Maßnahmen), aus Polen (14 Prozent), aus dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei (7 Prozent), aus Großbritannien und Nordirland (6 Prozent), aus Ungarn und Italien und (je 5 Prozent). Auf Teilnehmer-innen aus Europa entfielen 87 Prozent der Maßnahmen und auf solche aus anderen Kontinenten 13 Prozent. 62 Prozent der Veranstaltungen internationaler Jugendarbeit fanden im Ausland statt.
Seit 1992 ist das Interesse an Kinder- und Jugendarbeit gewachsen (6 Prozent mehr Teilnehmer-innen bei 9 Prozent weniger Veranstaltungen). Die weitaus meisten Maßnahmen wurden 2000 von Trägern in den westdeutschen Ländern veranstaltet (98.395 bzw. 84 Prozent). Ein wesentlicher Grund für die einstweilen noch verhältnismäßig geringe Zahl von Aktivitäten in den neuen Bundesländern liegt darin, daß die freien Träger sich dort erst allmählich etablieren. Hier wurde auch ein größerer Teil der Jugendarbeit in Regie freier Träger (85 Prozent) als in den alten Bundesländern (82 Prozent) durchgeführt.