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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Vater, Mutter, Kind? - Familialer Wandel in Österreich

Christina Luef      Foto: Christina Luef


Die traditionelle Familie steht veränderten Einstellungen und Werten gegenüber

Auch wenn eine Partnerschaft mit Kindern die noch immer meist gelebte Lebensform ist, hat sich in den letzten zwanzig Jahren ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel vollzogen. Mit den sich verändernden Formen des Zusammenlebens wandeln sich auch die Werte und Einstellungen gegenüber Ehe und Familie. Es existieren verschiedene Arten von Lebensformen nebeneinander, Beziehungen werden instabiler und in naher Zukunft werden Alleinerziehende zu einer der häufigsten Lebensformen zählen. Auch das Sexualverhalten verändert sich und ein Seitensprung wird nicht gleich zum Trennungsgrund für Partnerschaften. Der Wandel der Lebensformen sowie der Einstellungen zu Ehe und Familie wurden im Rahmen des österreichischen Sozialen Surveys erhoben und die Ergebnisse von 1986, 1993 und 2003 miteinander verglichen. Bei dieser repräsentativen sozialwissenschaftlichen Untersuchung wurden 2000 Österreicherinnen und Österreicher befragt.

Die Familienstruktur verändert sich und geht in Richtung Allein erziehend und Allein lebend, zeigt die von 1986 bis 2003 laufende Datenerhebung. Die häufigste Lebensform ist mit 82 % weiterhin die mit Kindern. Davon entfallen 63 % auf die traditionelle Familie und 19 % auf Alleinerziehende mit Kindern. Die Anzahl der traditionellen Familien, in der (Ehe)Partner mit Kindern leben, ist damit gegenüber 1986 um 16%-Punkte zurückgegangen. Konstant geblieben ist die Anzahl der Paare ohne Kinder (2003: 6 %). Singles bzw. Alleinlebende ohne Kind haben von 7 % im Jahr 1986 auf 12 % im Jahr 2003 zugenommen. Einen Zuwachs von 26 % im Jahr 2000 auf 31 % im Jahr 2010 ist auch für die Lebensform der Alleinerziehenden zu erwarten, die damit eine der häufigsten Lebensformen in naher Zukunft sein werden. Die Typologie der Lebensformen beruht auf Personen im Alter zwischen 35 und 59 Jahren. In dieser Altersgruppe haben die meisten die Familiengründung abgeschlossen und die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass der Lebenspartner bzw. die Lebenspartnerin noch nicht verstorben ist. (Familiengründung meist abgeschlossen, Lebenspartner/in noch nicht verstorben).

 Lebensformen nach Altersgruppen

Modern mit Beruf und Kind

Bislang konnte Österreich im internationalen Vergleich dem pro-traditionellen Modell (nach Gauthier 1996) zugeordnet werden, das einen männlichen Haupternährer bzw. "male bread-winner" beschreibt. Die Erhebung lässt aber eine Entwicklung in Richtung egalitäres Modell erkennen, das die Gleichstellung von Frauen und Männern vorsieht und vor allem in den skandinavischen Ländern gelebt wird. Aktuell scheint die österreichische Gesellschaft zweigeteilt zu sein: die eine Hälfte hält an traditionellen Einstellungen fest, während sich die andere Hälfte von diesen Leitvorstellungen verabschiedet hat.

Das traditionelle Frauenbild wird zunehmend weniger akzeptiert, rund die Hälfte der Bevölkerung erwartet aber weiterhin, dass eine Frau mit Kind möglichst nicht erwerbstätig sein sollte. Auch der Wunsch nach zumindest einem Kind steigt leicht an, wird aus der über 20 Jahre laufende Untersuchung ersichtlich. Die Kombination aus Berufsorientierung und Kinderwunsch gilt als "moderner" Einstellungstyp, dem vor allem junge und gebildete Frauen, aber auch Männer entsprechen.

Die Autoren haben folgende Typologie für die Einstellung von Frauen und Männer aufgestellt:

 Von modern bis gar nicht

Frauen sind "moderner" als Männer, zugleich aber auch in der Gruppe der "Konservativen" stärker vertreten als diese. Mehr Männer bevorzugen der Erhebung zufolge ein Leben ohne Kinder. Auch die Zahl der männlichen "Verweigerer", die eine Frau ohne Erwerbstätigkeit und keine Kinder wollen, ist mit 21 % relativ hoch.

Ehe verliert an Bedeutung

Die Bedeutung der Ehe als Institution nimmt ab, dafür gilt die Qualität der Beziehung als ein wichtiges Kriterium für die Partnerschaft. Insgesamt werden Beziehungen instabiler und Scheidungen nehmen zu, ist in den letzten 20 Jahren zu beobachten.

Parallel dazu ändert sich die Einstellung der österreichischen Bevölkerung zur Sexualität. Ein Großteil der Jugendlichen geht voreheliche Partnerschaften ein und macht Erfahrungen mit mehreren SexualpartnerInnen in wenigen Jahren. Auflösen und erneutes Eingehen einer Partnerschaft wiederholen sich.

Ein Seitensprung des Partners bzw. der Partnerin wird zwar nicht positiv gesehen, aber von den Österreicherinnen und Österreichern zunehmend toleriert und wird nicht gleich zum Trennungsgrund. Am tolerantesten zeigen sich bei sexuellen Aktivitäten außerhalb der Partnerschaft ältere Paare über 40 Jahre ohne Kinder (für 50 % kein Grund). Jüngere Paare mit Kindern würden einen Seitensprung des Partners bzw. der Partnerin am wenigsten hinnehmen (kein Grund für 22 %).

Zufriedene Partnerschaften

Der Erhebung zufolge herrscht unter der österreichischen Bevölkerung eine große Zufriedenheit mit der Partnerschaft. 70 % sind mit der Partnerin bzw. dem Partner "sehr zufrieden", 26 % sind "eher zufrieden". Ausschlaggebend dafür sind eine befriedigende Kommunikation und eine befriedigende Sexualität. Beide Bereiche wirken aufeinander und sind für die Stabilität der Partnerschaft wichtig.

Gefühle einer intensiven Beziehung und befriedigenden Sexualität gehören bei Singles, Alleinerziehenden, und allein stehenden älteren Menschen (mit Kindern, aber nicht im selben Haushalt) weniger zum Alltag als bei Paaren mit und ohne Kinder. Positive Lebensgefühle sind aber auch neben der Lebensform der traditionellen Familie vorhanden - zumindest in bestimmten Lebensphasen bei Paaren ohne Kinder und Singles bis zur Lebensmitte. In fortgeschrittenem Alter sind in erster Linie Alleinerziehende mit ihrem Gefühlsleben weniger zufrieden. Das erklärt, warum nicht-familiäre Lebensformen (keine Belastungen durch Kinder bzw. keine ehelichen, rechtlichen Verpflichtungen) in bestimmten Lebensphasen durchaus attraktiv sind.


Literatur

Wolfgang Schulz, Christian Hummer:
Veränderungen in den Formen des Zusammenlebens und Wandel der Einstellung zu Ehe und Familie.
In: Wolfgang Schulz, Max Haller, Alfred Grausgruber (Hrsg.):
Österreich zur Jahrhundertwende. Gesellschaftliche Werthaltungen und Lebensqualität 1986-2004.
Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2005. S.343-366. ISBN 3-531-14623-8


Quelle

beziehungsweise 22/05 vom 23. November 2005, S. 1-2
Abdruck mit freundlicher Genehmigung


Autorin

Mag. Christina Luef
Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF)
Abteilung für Kommunikation & Information
Gonzagagasse 19/8
A-1010 Wien
Tel.: +43-1/5351454-21
Fax: +43-1/5351455
Email: Christina Luef
Website: http://www.oif.ac.at/




Letzte Änderung: 07.02.2008 13:44:56Zum Seitenanfang