ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜPartner werden Eltern: Wechselwirkungen zwischen Paaren und KindernJohanna Graf
![]() Wenn Paare Eltern werden, ist das Beziehungsglück vollkommen - so die landläufige Erwartung. Tatsächlich jedoch bleibt ob der neuen Aufgabe die Partnerschaft häufig auf der Strecke. Paradoxerweise scheinen Kinder ein Risiko für das Partnerschaftsglück ihrer Eltern darzustellen. Dieses düstere Bild zeichnet die aktuelle Forschungsliteratur zum Übergang zur Elternschaft (vgl. auch den Beitrag "Übergang zur Elternschaft - Krise oder Chance" von Matthias Petzold in diesem Online-Handbuch). Im ersten Teil des Beitrags sollen diese Befunde differenziert werden: Was sind Bedingungen dafür, dass Partnerschaften stabil bleiben oder sich verschlechtern? Sind es "schwierige" Kinder, die die Ehe ihrer Eltern ruinieren? Im zweiten Teil des Beitrags geht es um die umgekehrte Einflussrichtung: Welche Kompetenzen brauchen Paare, damit sich Kinder optimal entwickeln können? Um diese Fragen zu beantworten, wurde im Rahmen des Verbundprojektes "Optionen junger Ehen und Lebensgestaltung" (Schneewind et al., 1992) die Studie "Wenn Paare Eltern werden" durchgeführt. 48 frisch verheiratete junge Paare, die ihr erstes Kind erwarteten, wurden in den ersten fünf Jahren ihrer Elternschaft begleitet und mit einer Gruppe von 90 Paaren kontrastiert, die während des gesamten Untersuchungszeitraums kinderlos geblieben waren. Den Analysen liegt eine familiensystemische Perspektive zugrunde, die in Abbildung 1 veranschaulicht ist. Ein zentraler Befund soll bereits an dieser Stelle festgehalten werden: Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass Kinder schwierig werden, wenn die Partner Probleme haben, als dass Paare Probleme bekommen, wenn Kinder schwierig sind. ![]() Abb. 1: Wechselwirkungsprozesse im Familiensystem (modifiziert n. Belsky, 1981) Teil 1: Entwicklung der PartnerschaftNegative VeränderungenDie Geburt des ersten Kindes bringt auch für die Eltern der hier vorgestellten Studie Beeinträchtigungen ihrer Partnerschaft mit sich. Diese sind keineswegs kurzfristig und vorübergehend (wie die Bezeichnung "Übergang" zur Elternschaft vermuten lässt), sondern können als langfristige Kaskade beschrieben werden. Zunächst fühlen sich die Partner empfindlich in ihrer Autonomie ("Selbständigkeit") eingeschränkt, dann lassen die positiven Gefühle füreinander nach ("Zugewandtheit", vgl. Abb. 2), die Beziehung wird in kognitiver, emotionaler und sexueller Hinsicht als unbefriedigender erlebt, und schließlich werden Konflikte immer dysfunktionaler ausgetragen bzw. ganz vermieden.![]() Abb. 2: Veränderungen der Zugewandtheit bei Eltern und kinderlosen Paaren Sind die Kinder "schuld"?Die negativen Veränderungen finden weitgehend unabhängig von den Temperamentsmerkmalen des Kindes statt. Ausschlaggebend für den Verlauf der Partnerschaft ist nicht die Tatsache, ob Kinder da sind oder nicht, sondern wie die Eltern mit den Herausforderungen der Elternschaft umgehen. Innerhalb eines gewissen Rahmens - die Untersuchungsteilnehmer hatten keine Schreibabys oder Kinder mit chronischen Behinderungen - lässt sich festhalten:Selbst schwierige Kinder "ruinieren" die Ehe ihrer Eltern nicht. Und genauso gilt: Auch noch so "einfache" Kinder können eine unglückliche Ehe nicht retten. RelativierungDer Vergleich zur Gruppe der kinderlosen Paare zeigt (vgl. Abb. 2): Auch bei kinderlosen Paaren verschlechtert sich die Partnerschaft - zumindest in der Anfangszeit! Und: Auch bei Eltern sinkt die Zugewandtheit lediglich von "überdurchschnittlich" auf "durchschnittlich" ab (die Werte können theoretisch zwischen 1 und 10 liegen).Welche Merkmale von Kindern stellen ein "Risiko" dar?Kinder, die häufig krank sind, Kinder, die sich schwer beruhigen lassen und Söhne stellen für die Partnerschaft am ehesten eine Herausforderung dar.Obwohl Frauen in der Regel diejenigen sind, die sich hauptsächlich um das Baby kümmern und in deren Leben die einschneidendsten Veränderungen stattfinden, scheinen eher Männer unter "schwierigen" Merkmalen des Kindes zu leiden. So fühlen sie sich durch Babys, die sich nur schwer beruhigen lassen, stärker angebunden und eingeengt. Wenn die Kinder häufig krank sind, erleben sie mehr Nörgelei und Kritik von ihrer Partnerin. Vermutlich sind Frauen durch die stärkere Beanspruchung (v.a. nachts) durch kranke Kinder gereizter, erwarten eher die Unterstützung ihres Partners und reagieren enttäuscht, wenn die Mithilfe ausbleibt (vgl. Reichle, 1994). Eltern von Söhnen sind sich uneiniger in Erziehungsfragen und fühlen sich in ihren Erziehungsbemühungen eher vom Partner hängen gelassen. Die "Elternallianz" wird in Mitleidenschaft gezogen. Mütter finden, dass Konflikte destruktiver ausgetragen werden; Väter fühlen sich eher aus der Mutter-Kind-Beziehung ausgeschlossen. Dies kommt allerdings nicht dadurch zustande, dass die Eltern Jungen als schwieriger erleben würden. Da Väter sich eher in der Erziehung ihrer Söhne engagieren als sie das bei Töchtern tun, eröffnet sich durch die Geburt eines Sohnes ein größeres Feld für Erziehungskonflikte. Möglicherweise sind Väter auch eher auf die enge Mutter-Sohn-Bindung eifersüchtig. Gibt es Risiko- und Schutzfaktoren?Wenn Kinder "schwierig" sind, kann das durch Schutzfaktoren auf Person- und Paarebene im Familiensystem vergleichsweise gut abgepuffert werden (vgl. auch Belsky, 1991). Wie sehr die Partnerschaft in den ersten Jahren der Elternschaft leidet, hängt größtenteils von den Ausgangsbedingungen ab, mit denen Paare ihren Weg in die Elternschaft beginnen.Vereinfacht gesagt: Allgemeine Beziehungskompetenzen, eine glückliche Partnerschaft (viel Zugewandtheit), in der sich die Partner nicht einengen (ein mittleres Ausmaß an Selbständigkeit), sind die besten Voraussetzungen. Je besser sich die Partner vor der Geburt ihres ersten Kindes verstehen, desto eher gelingt es ihnen, ihr Partnerschaftsglück auf Dauer aufrechtzuerhalten. Je weniger die Partner einander vor der Geburt ihres Kindes zugewandt sind, desto stärker wird die Partnerschaft in Mitleidenschaft gezogen, d.h. eine Schere tut sich auf. Bei einigen Paaren verschlechtert sich die Partnerschaft sogar mit jedem Jahr noch weiter. Anderen dagegen gelingt es, zwischen dem vierten und fünften Jahr der Elternschaft ihre Beziehung ("Zugewandtheit") wieder zu verbessern, auch wenn nicht das Ausgangsniveau vor der Geburt erreicht wird (vgl. Abb. 3). Interessanterweise sind das diejenigen, die sich in der Schwangerschaft gegenseitig auch Freiräume und eigene Bereiche zugestanden haben (die es beispielsweise in Ordnung finden, wenn jeder seinen eigenen Interessen nachgeht und eigene Entscheidungen trifft). Autonomie und Verbundenheit spielen eng zusammen; ein gewisses Maß an zugestandener Autonomie scheint für die langfristige Erhaltung der Verbundenheit unerlässlich zu sein (vgl. die "bezogene Individuation" bei Stierlin et al., 1992). ![]() Abb. 3: Verläufe der Zugewandtheit in Abhängigkeit von der partnerschaftlichen Selbständigkeit Im Umgang mit Konflikten zeigen sich geschlechtstypische Unterschiede: Wenn Männer sich bereits vor der Geburt des ersten Kindes in der Beziehung zu sehr eingeengt fühlen, werden sie im Laufe der Zeit zynisch oder ziehen sich zurück - was die Partnerin als besonders destruktives Verhalten empfindet. Wenn Frauen bereits in der Schwangerschaft die Zuwendung ihres Partners vermissen, machen sie ihm im Laufe der Jahre immer mehr Vorwürfe - was dieser als besonders dysfunktional erlebt. Teil 2: Einflüsse auf die kindliche EntwicklungBetrachten wir nun die umgekehrte Einflussrichtung. Wie sollten Partnerschaften beschaffen sein, damit sich Kinder möglichst gut entwickeln können?Lange Zeit wurde in der Forschung hauptsächlich die Mutter-Kind-Beziehung untersucht, um zu erklären, wie sich Kinder entwickeln. Doch die Partner sind die Architekten des Familiensystems, wie Virginia Satir (1982) ausführt. Sie bilden das Fundament der gesamten Familie und bestimmen nicht nur maßgeblich, welche Entwicklung ihre Partnerschaft nimmt, sondern auch wie sich die Eltern-Kind-Beziehung und die Kinder entwickeln (vgl. Abb. 1). Welche Merkmale von Partnerschaften sind einflussreich?In der Forschung besteht mittlerweile Einigkeit darin, dass es für Kinder eine große Belastung darstellt, wenn ihre Eltern viele Konflikte haben und destruktiv damit umgehen. Relativ unerforscht ist dagegen die Rolle, die die Positivität der Partner für eine gelungene Entwicklung ihrer Kinder spielt und welche Partnerschaftsmerkmale besonders wichtig für Kinder sind.In der vorliegenden Studie haben sich zwei Aspekte partnerschaftlicher Positivität als besonders bedeutsam herauskristallisiert (vgl. Abb. 4): die Zugewandtheit und Selbständigkeit der Partner - also die gleichen Merkmale, die im Übergang zur Elternschaft auch die besten Schutzfaktoren für die Partnerschaft darstellen (siehe Teil 1). Eltern sollen ihren Kindern Wurzeln und Flügel geben. Offenkundig helfen die partnerschaftliche Zugewandtheit auf der einen und die zugestandene Autonomie auf der anderen Seite bei dieser doppelten Aufgabe. ![]() Abb. 4: Die Bedeutung unterschiedlicher Partnerschaftsmerkmale für die kindliche Entwicklung Es zeigt sich: Kinder brauchen mehr als die Abwesenheit von destruktiven Konflikten. Das in der Partnerschaft vorherrschende emotionale Klima ("Zugewandtheit") hat für Kinder einen größeren Einfluss als der Umgang mit Konflikten oder die Konflikthäufigkeit. Kinder sind wie ein Barometer für die Stimmungen im Familiensystem und spüren die emotionale Atmosphäre, die Zuhause vorherrscht, sehr genau. Sie bemerken abwertende Blicke oder verächtliche Gesten zwischen den Eltern, auch ohne dass Meinungsverschiedenheiten offen ausgetragen werden. Wenn es Paaren gelingt, heftige Auseinandersetzungen durch ein hohes Maß an liebevoller Zuwendung und Wärme auszugleichen, macht das die nachteiligen Folgen der Konflikte nicht nur für die Partnerschaft (vgl. Gottman, 1994), sondern auch für die Kinder wieder wett. Wie beeinflusst die Paarbeziehung die kindliche Entwicklung?Wie in Abbildung 1 ersichtlich ist, lassen sich theoretisch zwei Wege ausmachen. Ein direkter (Paar --> Kind) und ein indirekter, der über die Erziehung läuft (Paar --> Erziehung --> Kind). Beide Wege werden in der vorliegenden Studie bestätigt.(a) Direkte BeeinflussungWie bereits ausgeführt: Kinder spüren das zwischen den Partnern vorherrschende Klima - auch jenseits konkreter Erziehungspraktiken - sehr genau. Hier haben die Eltern Vorbildfunktion. Wenn Eltern liebevoll miteinander umgehen und Konflikte konstruktiv bewältigen, können Kinder viel über gegenseitige Unterstützung, Hilfsbereitschaft, Kooperation und konstruktive Konfliktlösung lernen.(b) Indirekte Beeinflussung über die ErziehungDer zweite Weg läuft über die Erziehung. In der Forschung werden hier zwei gegensätzliche Prozesse diskutiert:
Ein wichtiger Befund soll gleich vorweggenommen werden: Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Partnerschaftsprobleme durch ein besonders günstiges Erziehungsverhalten kompensiert werden können! In Abbildung 5 sind die zentralen Ergebnisse veranschaulicht. ![]() Abb. 5: Spillover und Kompensation
Welche Rolle spielen die Väter?
Unterschiede zwischen Vätern und Müttern
![]() Abb. 6: Zusammenhänge zwischen Partnerschafts- und Kindesentwicklung Wenn sich Kinder trotz hoher Zugewandtheit der Partner nicht optimal entwickeln:Bei den Kindern der Untersuchungsteilnehmer lassen sich unterschiedliche Entwicklungswege ausmachen. Einige Kinder werden trotz eines guten Starts ins Leben im Laufe der Jahre immer schwieriger (vgl. Abb. 7, blaue Linie). Was ist in diesen Familien anders als in den Familien der Kinder, die "auf der Sonnenseite" bleiben (grüne Linie)?![]() Abb. 7: Verläufe der kindlichen Emotionalität Damit sich Kinder auch langfristig positiv entwickeln können, müssen mehrere Schutzfaktoren zusammenkommen. Ein positives Partnerschaftsklima ("Zugewandtheit") allein ist offenkundig nicht ausreichend - wenngleich es für die guten Startbedingungen verantwortlich ist. Die Partner sollten einander nicht nur zugetan sein, sondern sich auch Freiräume zugestehen. Verbundenheit und Autonomie erweisen sich somit gleichermaßen als "Motoren" für eine gelungene Partnerschafts- und Kindesentwicklung. Darüber hinaus verfügen die Eltern der Kinder, die sich stabil-positiv entwickeln, über bessere Beziehungsfertigkeiten und Erziehungskompetenzen. Beispielsweise haben sie ein gutes Gespür dafür, wie es ihrem Kind gerade geht, und es gelingt ihnen besser, es zu beruhigen, wenn es sich aufregt. Fazit
Angebote für FamilienDrei Bereiche haben sich in der Studie "Wenn Paare Eltern werden" als besonders wichtig für eine gelungene Entwicklung von Paaren und Kindern herauskristallisiert. Wie können diese Bereiche gefördert werden?
Die Ergebnisse der Studie konnten hier nur auszugsweise und stark vereinfacht vorgestellt werden. Umfassendere Informationen liefert das Buch zur Studie, das 2002 erschienen und über den Buchhandel erhältlich ist (Graf: Wenn Paare Eltern werden. Beltz-Verlag). Literatur
Belsky, J. (1981). Early human experience: A family perspective. Developmental Psychology, 17, 3-23. Autorin
Johanna Graf ist Familienpsychologin und Wissenschaftliche Assistentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin mit Paaren, Eltern und Familien. Anschrift
Dr. Johanna Graf | ||
Letzte Änderung: 30.06.2004 10:36:50 |