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![]() In diesem Beitrag soll dargestellt werden, welche Faktoren eine qualitativ gute Familientagespflege charakterisieren. Die Aussagen beruhen auf einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, die an anderer Stelle referiert wurden (Textor 1998). Sie stammten überwiegend aus dem angloamerikanischen Raum. Viele Untersuchungen beschäftigten mit dem Einfluss der Qualifikation von Tagespflegepersonen: Nur etwas positiv wirkte sich eine höhere Bildung auf die Qualität der Familientagespflege aus; Ähnliches galt für allgemeine Kenntnisse im Bereich der Kinderpsychologie. In vielen Untersuchungen wurde jedoch ein starker Effekt einer speziellen Ausbildung für die Tätigkeit als Tagespflegeperson ermittelt. Ferner wirkte sich positiv auf die Qualität der Familientagespflege aus, wenn die Befragten hierin eine Beschäftigung auf Dauer sahen, ein professionelles Selbstverständnis besaßen, Kontakt zu anderen Tagespflegepersonen hatten bzw. Mitglied eines Verbandes waren und bereits viel "Berufserfahrung" hatten. "Gute" Tagespflegepersonen betreuten mehr Kinder gleichzeitig (drei bis sechs). Von ebenfalls großer Bedeutung waren das Betreuungsprogramm sowie die Raumgestaltung und -ausstattung: Bei "guter" Tagespflege waren die Räume, in denen sich die betreuten Kinder aufhalten, kindgemäß gestaltet und mit Spielsachen, Musikinstrumenten, Mal- und Bastelutensilien, didaktischen Spielen und Materialien für Rollenspiele ausgestattet. Die Tagespflegeperson erzählte häufiger Geschichten, musizierte mehr mit den Kindern, machte mit ihnen öfters Spiele zur Sprachförderung und zur Entwicklung des Zahlenverständnisses, regte häufiger zum Rollenspiel, zum Malen und zu (grob-/ fein-)motorischen Aktivitäten an und ließ sehr viel seltener Fernsehen zu. Die Beziehung zwischen Tagespflegeperson und Kind war durch ein hohes Ausmaß an positiven Interaktionen zwischen beiden Seiten geprägt. Rosenthal (1991a) stellte beim Vergleich zwischen Tagespflege und institutioneller Fremdbetreuung fest, dass es keine Unterschiede hinsichtlich der erzieherischen Qualität der Raumgestaltung und -ausstattung gab und dass der Zeitanteil von angeleiteten Beschäftigungen gleich groß war. Einstellungen der Tagespflegepersonen und ElternTagespflegepersonen kennen in der Regel die Charakteristika einer hochwertigen Familientagespflege - selbst wenn sie die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht gelesen haben. Beispielsweise antworteten 42 Tagespflegepersonen und 11 Fachleute auf die Frage, was eine qualitativ gute Tagespflege ausmacht, laut Clyde und Rodd (1992, 1994) nahezu einstimmig mit:
ErziehungspartnerschaftVon großer Bedeutung ist ferner, dass Eltern und Tagespflegeperson hinsichtlich ihrer Erziehungsziele und -methoden übereinstimmen und die Rollendefinition der jeweils anderen Seite akzeptieren. Sie sollten miteinander eine "Erziehungspartnerschaft" eingehen, d.h. eine vertrauensvolle Beziehung, in deren Mittelpunkt die Zusammenarbeit bei der Förderung der kindlichen Entwicklung und die Sicherstellung des Wohls des Kindes steht.Die Eltern sollten sich auch darauf einstellen, dass ihr Kind enge Bindungen an die Tagesmutter entwickelt, was für manche leiblichen Mütter ein Problem ist. Generell sollte immer wieder ein intensiver Gesprächs- und Erfahrungsaustausch über das Kind, seine Entwicklung und seine Betreuung zwischen Eltern und Tagespflegeperson stattfinden, wobei zu akzeptieren ist, dass sich das Kind in "beiden Welten" unterschiedlich verhalten kann. Auswirkungen auf die kindliche EntwicklungEine qualitativ gute Familientagespflege wirkt sich positiv auf die Sprach- und die kognitive Entwicklung der betreuten Kinder aus. Nach mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen spielten vor allem die Intensität, die erzieherische Qualität und die emotionale Tönung der Interaktionen zwischen Tagespflegeperson und Kind eine Rolle. Für die kognitive Entwicklung war ferner von Bedeutung, wie geistig stimulierend das Betreuungsprogramm war, ob viel vorgelesen und erzählt wurde, wie anregend die Spielmaterialien waren und ob es sich um eine erfahrene Tagespflegeperson handelte.Howes und Stewart (1987) ermittelten, dass Kinder bei einer qualitativ besseren Tagespflege mehr mit Gegenständen und Erwachsenen spielten, Mädchen auch mehr mit Gleichaltrigen. Auch waren Kinder, die jünger bei Beginn der Fremdbetreuung waren, kompetenter in ihrem Spiel mit Materialien und Gleichaltrigen. Rosenthal (1991b) stellte fest, dass Kinder mehr Zeit im Spiel miteinander verbrachten und positiver interagierten, wenn der zur Verfügung stehende Raum begrenzt war (wenig Platz zum Alleinsein), wenn die Tagespflegeperson großen Wert auf bildende Beschäftigungen mit allen anwesenden Kindern legte und wenn auch ihre Interaktionen mit den Kindern positiv verliefen. Vergleichsuntersuchungen zeigten, dass es die Sozialentwicklung kaum beeinflusste, ob das jeweilige Kind in Familientagespflege oder in einer Tageseinrichtung betreut wurde (Lamb et al. 1988, 1990). Im Modellversuch "Tagesmütter" zeigte es sich, dass die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern recht problemlos verlief, wenn die Familientagespflege im ersten Lebensjahr begann (Arbeitsgruppe Tagesmütter 1980; Gudat 1982; Permien 1996). Kinder, bei denen die Betreuung im zweiten Lebensjahr anfing, entwickelten jedoch Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität, motorische Unruhe, Desinteresse am Spielen oder mangelnde Konzentrationsfähigkeit, die noch zwei Jahre später zu beobachten waren. Bei einer neueren Untersuchung ergaben sich keine Unterschiede zwischen Kindern in Tagespflege und institutioneller Fremdbetreuung hinsichtlich der Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten (Erwin et al. 1993). Diese schienen mehr durch Eigenschaften des Kindes (z.B. Temperament) und durch die Familie (z.B. Erziehungsstil) bedingt zu sein als durch die Betreuungssituation. Mit dem vorangegangenen Satz wurde bereits angedeutet, dass die kindliche Entwicklung nur zum Teil durch die Qualität der Tagespflege beeinflusst wird - die größere Wirkung dürfte wohl von der Familie ausgehen. Wurde die Variable "Qualität der Tagespflege" kontrolliert, so konnte man feststellen, dass diejenigen Kinder mehr Fortschritt im kognitiven und sozialen Bereich machten, die aus "guten" Familienverhältnissen kamen (sichere Bindungen, keine größeren Probleme usw.), deren geistige Entwicklung stimuliert wurde, mit denen die Eltern mehr spielten, die mehr enge Beziehungen zu Verwandten und Bekannten hatten und deren Eltern viele Freunde hatten und somit Vorbilder für interpersonale Kompetenzen waren (Clarke-Stewart 1989; Howes/ Stewart 1987). So erklärten bei einer Untersuchung Familiencharakteristika die Sprach-, kognitive und soziale Entwicklung besser als Variablen der Tagespflegesituation (Kontos 1994). Bedenkt man die große Bedeutung der Familie, so überrascht nicht, dass sich die Kinder besser entwickelten bzw. die Qualität der Tagespflege besser war, wenn die Pflegeperson und die Eltern häufig miteinander sprachen und ihre Erziehungsvorstellungen ähnlich waren. FazitEs lässt sich also festhalten, dass eine qualitativ gute Familientagespflege die kindliche Entwicklung eher fördert als beeinträchtigt und nicht schlechter als die Betreuung in einer Tageseinrichtung ist. Die Unterschiede hinsichtlich der Qualität innerhalb der jeweiligen Betreuungsform sind größer als die Unterschiede zwischen beiden Formen (Gudat 1982; Lamb et al. 1988, 1990; Phádraig 1994).Bezieht man die Forschungsergebnisse auf die Situation in Deutschland, wird die Notwendigkeit einer Registrierung, Ausbildung und Beratung von Tagespflegepersonen sowie ihrer gegenseitigen Unterstützung in Gruppen deutlich. Besonders wichtig dürfte auch sein, eine größere Stabilität dieser Betreuungsform sicherzustellen: So hatten nach einer Untersuchung des Berliner Instituts INFANS mehr als 40% der erfassten rund 4.500 Tagespflegeverhältnisse höchstens sechs Monate Bestand (Laewen/ Hédervári/ Andres 1991). Literatur
Arbeitsgruppe Tagesmütter: Das Modellprojekt "Tagesmütter" - Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung. Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 85. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1980 Autor
Dr. Martin R. Textor ist wissenschaftlicher Angestellter am: | ||
Letzte Änderung: 30.12.2006 14:07:20 |