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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wenn Kinder fremdeln

Michael Schnabel       Michael Schnabel


"Oh, was für ein süßes Baby! Wie es lacht und vergnüglich ist. So voller Lebensfreude und freundlicher Ausstrahlung. Ein richtiger Wonneproppen!" Als sich aber die Großtante tiefer über das Kind neigt, verzieht es sein Gesichtchen und fängt an zu weinen. Es schreit so richtig drauf los, wie nur Säuglinge schreien können, wenn sie todunglücklich sind. "Ich glaub der Kleine kann mich nicht leiden", beklagt sich die Tante. "Nein, das Kind fremdelt nur", erklärt die Mutter.

Was meint Fremdeln?

Die Entwicklungspsychologie von R. Oerter und L. Montada (1) beschreibt dieses Verhalten von Säuglingen und Kleinkindern wie folgt: "Die klassische Form des Fremdelns ist eine heftige emotionale Reaktion (Versteifen, Schreien) beim Anblick einer fremden Person. Diese Reaktion tritt - auch für die Eltern oft unerwartet und unerklärlich - ziemlich plötzlich um den achten/neunten Lebensmonat herum auf, weshalb sie oft auch als Acht-Monats-Angst bezeichnet wird. Nicht alle Kinder zeigen heftiges Fremdeln. Bei einigen finden sich nur mildere Formen, wie das Versteifen des Körpers und furchtsames Anstarren des Fremden oder Blickabwenden, sowie Anzeichen des Absinkens der Stimmung. Nimmt man diese milderen Formen hinzu, dann kann man Fremdeln bei nahezu allen Kindern irgendwann zwischen sechs Monaten und zwei Jahren beobachten mit einem Höhepunkt zwischen acht und zwölf Monaten. Es tritt bei Kindern mit und ohne viel Besucher-Erfahrung ( ... ) auf, dabei normalerweise früher und intensiver bei Kindern mit viel Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Interaktionserfahrung. Zwar kann u. U. (z.B. in unvertrauter Umgebung) bereits der schiere Anblick eines Fremden aus gewisser Distanz Fremdelreaktionen auslösen; meist aber zeigen Kinder auf Distanz noch positive Neugier, reagieren aber verängstigt und abweisend, wenn er (oder sie) versucht, ihnen zu nahe zu kommen oder gar sie zu berühren und aufzunehmen." Der entwicklungspsychologische Befund weist die Unterstellung zurück, dass fremdelnde Kinder bestimmte Personen nicht mögen oder ihre Zuneigung verweigern. Fremdeln ist eher ein markanter Entwicklungsschritt des Kindes.

Warum fremdeln Kinder?

Säuglinge im Alter von sechs bis acht Monaten machen äußerst große Fortschritte in der Entwicklung und Ausdifferenzierung ihrer Wahrnehmung. Daher können sie in diesem Zeitabschnitt zutreffend zwischen vertrauten und unbekannten Gesichtern unterscheiden. Folglich empfangen Kinder in diesem Alter nicht mehr jeden Gast mit einem lächelnden Gesicht, vielmehr mustern sie ihn erst und reagieren ängstlich und abweisend auf die fremde Erscheinung. Manche Forscher meinen, dass dabei nicht nur das Erkennen des Gesichtes beteiligt ist, vielmehr nimmt das Kind auch den Geruch des Fremden wahr. Diese Tatsache erklärt, dass viele Kinder dann abweisend reagieren, wenn man sich ihnen zuneigt.

Subtile Beobachtungen legen auch folgende Theorie nahe: Im Laufe der vergangenen Monate haben sich zwischen Mutter und Kind bzw. zwischen Vater und Kind eindeutige nonverbale Kommunikationsmuster herausgebildet. Gegenüber fremden Menschen ist diese Kommunikation verworren und das Kind spürt große Hilflosigkeit, weil es diese missliche Situation nicht abwenden kann. Aus Angst über dieses Missgeschick reagiert das Kind verstört und weint drauf los.

Fremdeln kann auch als "Kindersicherung der Natur" gesehen werden. Denn in diesem Entwicklungsabschnitt werden Kinder umtriebiger: Sie fangen an zu krabbeln, beginnen sich aufzurichten, probieren das Stehen und versuchen zu gehen. Fremdeln begrenzt den Aktionsraum, so dass diese Kinder in der Nähe von Vater und Mutter bleiben. Die Verhaltensbiologin Haug-Schnabel erklärt dazu: "Vorsichtig zu sein lohnt sich, um die Zahl der Enttäuschungen und negativen Erfahrungen möglichst gering zu halten. Vor allem in einem Alter, in dem man dauernd neue Erfahrungen macht, der Radius immer größer und die Umwelt 'gefährlicher' wird." Wie häufig und wie lange Kinder fremdeln kann als erster Hinweis auf Charakterzüge des Kindes gelten: Denn einige Kinder fremdeln nur kurz und flüchtig und sind bald wieder aufgeweckt und eroberungslustig, andere Kinder bleiben lange zurückhaltend und vorsichtig.

Erfahrungen belegen, dass Kinder kontaktfreudiger Mütter weniger fremdeln. Diese Kinder sehen und spüren, wie ihre Mütter entspannt, locker und unverkrampft mit anderen Menschen umgehen. Mehr noch: Sie erleben, wie diese Mütter gerne Menschen um sich haben und wie sie es genießen, in einer Gruppe Beachtung und Anerkennung erleben zu dürfen. Wahrscheinlich eine erste Prägung des kindlichen Sozialverhaltens!

Brauchen fremdelnde Kinder Hilfen?

Der Forschungsbericht aus der Entwicklungspsychologie gibt zu verstehen: Fremdeln ist ein normales Verhalten von Kindern, das einen bestimmten Entwicklungsschritt kennzeichnet. Und trotzdem löst dieses Verhalten bei manchen Erwachsenen Unsicherheiten aus. "Lehnt das Kind jetzt bestimmte Leute ab? Wird sich das Kind zu einem Eigenbrötler entwickeln?" Eltern können ganz beruhigt sein, das Fremdeln verschwindet nach einigen Monaten wieder. Zunächst muss das Verhalten denjenigen erklärt werden, die sich dadurch vor den Kopf gestoßen fühlen. Unter keinen Umständen dürfen Kinder zur Kontaktaufnahme gezwungen werden oder das fremdelnde Verhalten ins Lächerliche gezogen werden.

Weiterhin ist die Stärke des Fremdelns von der Art der Annäherung abhängig. Wenn sich beispielsweise Oma oder Tante vorsichtig dem Kind nähert und zunächst eine gewisse Distanzzone wahrt, fallen die Abwehrreaktionen geringer aus. Noch dazu wird das Kind aus der Distanz heraus mit dem Besucher bald freundliche Blicke tauschen und einladend lächeln. Eine behutsame Kontaktaufnahme mit solchen Kindern gelingt oftmals mit einem interessanten Gegenstand, beispielsweise mit einem Stoffball oder einem Kuscheltier. Fremdelnde Kinder werden zuweilen betulichen Erwachsenen zum Problem, daher sollten Eltern bei solchen Gästen um Verständnis werben.

Quelle

(1) Oerter, R,; Montada, L.: Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, Weinheim 1995/3, S. 230 f.

Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München
Tel.: 089/99825-1929
E-Mail: Michael Schnabel







Letzte Änderung: 26.06.2006 09:00:52Zum Seitenanfang