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Was ist so toll an Harry Potter? Vom Spaß am Zaubern und der Lust am Sich-Gruseln

Elke Leger      Foto: Elke Leger


Max weiß, dass es so etwas gar nicht gibt. Staunend sieht er dem Mann auf der Bühne zu, der seinen Spazierstock "schnipp" in einen prächtigen Blumenstrauß verwandelt, Geldscheine zerschneidet, sie im Handumdrehen wieder unversehrt erscheinen lässt und zum Schluss eine endlose Schlange von bunten Bändern aus seinem Hut zieht. Eigentlich weiß Max, dass das nur Tricks sind. Eigentlich. Aber ein ganz kleines bisschen Zweifel ist doch dabei, und genau das macht die ganze Zauberei so spannend.

Dieser schmale Grat zwischen Sicherheit und Zweifel ist für Kinder prickelnd aufregend. In den wenigen Jahren, die sie auf der Welt sind, haben sie allmählich die Regeln kennen gelernt, nach denen die Welt funktioniert. Und dann kommt jemand, wie dieser Zauberer auf der Bühne, und stellt das Gelernte ganz augenfällig in Frage. Als Max noch ganz klein war, hätte er nicht gestaunt. Ein Spazierstock wird zum Blumenstrauß - na und? Für ein kleines Kind, das noch ganz verhaftet ist in der magischen Welt, gibt es wenige Überraschungen. Dass das Gesicht der Mutter, das hinter einem Tuch versteckt war, nun wieder da ist, wenn sie das Tuch fortzieht - das ist überraschend. Doch um sich wie Max zu freuen und zu staunen über außer Kraft gesetzte Gesetzmäßigkeiten, dazu muss ein Kind mit diesen Gesetzmäßigkeiten schon vertraut sein. Erst dann kann es die Faszination zwischen Sicherheit und Zweifel erleben - und genießen.

Zaubern ist Macht

Zaubern müsste man können ... Dass ältere Kinder dafür sehr empfänglich sind, zeigt ihre Vorliebe für entsprechende Literatur: "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler ist noch immer ein gern gelesener Kinderbuchklassiker, und Bibi Blocksberg hat - hexhex - vor einiger Zeit sogar den Sprung auf die Kino-Leinwand geschafft. Nicht zu reden von Harry Potter, dem gewitzten Zauberlehrling, der mit seinen magischen Kräften auch die kniffligste Situation meistert. Jeden neuen Band der britischen Autorin Joanne Rowling sehnen die Kinder herbei, stehen Schlange vor den Buchläden, um unter den Ersten zu sein, die ins neue Abenteuer eintauchen. Alle acht Sekunden ging am ersten Verkaufswochenende der fünfte Potter-Band über die Ladentische. Ein Rekord.

Die Zauber-Romane treffen genau das Bedürfnis der Kinder: So wie Harry würden sie gern sein - allmächtig und jede Situation beherrschend. Ein leichtes angenehmes Gruseln über diese Kräfte, die es ja eigentlich gar nicht gibt, gehört dazu. Die weiteren Zutaten dieser Erfolgs-Romane sind ebenfalls genau das, was Kinderfantasien beflügelt und befriedigt: Harry ist mutig und gewitzt, setzt Raum und Zeit außer Kraft, er schlägt der realen Welt mit seinen magischen Künsten ein Schnippchen, hat gute Freunde, die für ihn durchs Feuer gehen - und er kommt ohne Eltern aus. Mit Spannung und Grusel-Szenen sind die Abenteuer gewürzt; kein Wunder, dass die Kinder die Bücher verschlingen bis sie sie auswendig hersagen können. Harry, der Held unserer Tage.

Macht Fantasie weltfremd?

Wird ein Kind nicht weltfremd, wenn es eintaucht in fantastische Abenteuer, die so gar nichts zu tun haben mit der realen Welt? Eine berechtigte Frage, die sich Generationen von Eltern vor uns gestellt haben und die auch die Eltern-Generationen nach uns beschäftigen wird. Der Kern dieser Frage lautet im Prinzip: Ist Fantasie schädlich? Dass sie auch destruktive Züge tragen kann, zeigen Untersuchungen über die Auswirkung von Gewalt-Filmen. Grob zusammengefasst lauten die Ergebnisse dieser Untersuchungen: Kinder, die in einer behüteten Atmosphäre aufwachsen, scheinen weniger anfällig zu sein, das Gelesene oder Gesehene in Aggressionen umzuwandeln. Oder anders gesagt: Fühlt sich das Kind in der realen Welt gut aufgehoben, muss es seine Fantasien nicht an die Stelle der Realität treten lassen. Was für diese extreme Form des Medien-Konsums gilt, lässt sich auf die Medien generell übertragen. Ein Kind, das sich allein fühlt auf der Welt, wird sich in Märchen, Romanen, Filmen eine Ersatz-Welt suchen, in der es seine Heimat findet. Ein Kind aber, das geborgen, aktiv und fröhlich in der Realität steht, genießt die Exkurse in fantastische Welten als Ausflüge, von denen es gern ins reale Leben zurückkehrt.

Eine Form, mit ihren Fantasien in der Realität umzugehen, ist für Kinder das Rollenspiel. In die Rollen von Gespenstern, Monstern und Hexen schlüpfen die Kinder, und das hat durchaus einen psychologische Zweck: Indem sie sich in die Figuren der furcht erregenden Wesen versetzen, besiegen sie ihre eigene Angst vor dem Unerklärlichen. Der Psychologe Bruno Bettelheim drückte es so aus: "Alles, was man beschreiben und benennen kann, wird dadurch in den eigenen Machtbereich einbezogen. Aber wenn man es nicht benennen kann, dann kann man es nicht bewältigen." Die Verwandlung in ein grässliches Monster bedeutet also für ein Kind, Macht zu haben über das, was ängstigt, es zu personalisieren und dadurch unschädlich zu machen. Natürlich sind nicht nur die Angst erregenden Figuren, sondern auch die Helden aus Büchern und Filmen dazu geschaffen, in deren Rolle zu schlüpfen. Es braucht gar nicht unbedingt ein schwarzes Brillengestell und den geringelten Schal, um sich wie Harry Potter zu fühlen: die Fantasie benötigt keine Requisiten.

Woher kommen Ängste?

Von Grimms Märchen bis zu Harry Potter: Einige Szenen in Büchern und Filmen greifen Kinderängste auf, schaffen dadurch Spannungselemente, die den Nerv der Kinder genau treffen. Besorgte Eltern fragen sich, woher die Ängste kommen, die ihr Kind in sich trägt. Immer haben sie doch versucht, alles Beängstigende von ihm fern zu halten, und nun redet das Kind an jedem Abend von Löwen im Schrank und einem Gespenst unter dem Bett. Die Sorge der Eltern ist verständlich, aber unbegründet: In jedem Kind wohnen Ängste, auch wenn es niemals eine konkrete Angst erregende Situation erlebt hat. Die Angst vor der Dunkelheit etwa entsteht bereits, wenn das Kind um die acht Monate alt ist, ungefähr zeitgleich mit dem Fremdeln. Diese Angst scheint ein Teil unseres evolutionären Erbes zu sein und war für unsere Ur-Vorfahren lebensrettend: Angst macht wachsam. Wilde Tiere, Gespenster oder Dinge, deren Angst machende Wirkung die Erwachsenen gar nicht verstehen können - es gibt vieles, wovor sich Kinder fürchten. Psychologen sehen in diesen personifizierten Ängsten die Auseinandersetzung des Kindes mit seinen Konflikten: Hat das Kind beispielsweise Angst, von den Eltern verlassen zu werden, wird ihm aber andererseits die Rolle des kleinen Helden abverlangt ("Du bist doch schon so groß"), so kann dieser Zwiespalt im Kostüm eines bedrohlichen Ungeheuers daher kommen.

Wie aber können Erwachsene mit diesen Kinderängsten umgehen? Nicht indem sie diese wegreden, sondern indem sie dem Kind helfen, sich mit ihnen zu identifizieren und dadurch unschädlich zu machen. Ein Bild zu malen kann eine solche Bewältigung sein. Der wilde Stier, der das Kind im Traum verfolgt hat, ist gar nicht mehr so gefährlich, wenn er mit Stift und Farben zu Papier gebracht wurde. Und vielleicht bekommt er noch ein paar Korken auf die spitzen Hörner. So kann das Kind ihn zähmen. Auch bedrohliche Szenen in Büchern oder Filmen kann das Kind so bewältigen: Mit Unterstützung seiner Eltern oder anderer Erwachsener besiegt es seine inneren Angreifer, indem es sich aktiv mit ihnen auseinandersetzt.

Leichte Gänsehaut darf sein

Das Gruseln aber, das darf bleiben. Bis hin zum Spiel mit dem Tod, das an Halloween seinen Ausdruck in Klapperskeletten und Totenköpfen findet. Auch hier setzen sich die Kinder mit einem Angst machenden Phänomen auseinander, indem sie es personalisieren und in einem spielerischen Schutzraum bewältigen.

Solange das Kind mit leichter Gänsehaut aber ohne Angst den Gespenstern oder Buch- und Filmfiguren begegnet, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Zeigt oder äußert das Kind aber Furcht, sollten Sie ihm helfen. Sie merken, wenn es Ihrem Kind zu viel wird. "Mama, lies nicht mit so gruseliger Stimme vor ..." dann lesen Sie eben mit normaler Stimme die Geschichte zu Ende. Oder Sie klappen das Buch zu. Den Kindern bewusst Angst zu machen ist nicht erlaubt.

Gleiches gilt für die Harry-Potter-Mania: Angenehmes Gruseln darf sein. Empfindet das Kind aber Angst beim Lesen oder im Kino, schenken Sie ihm Zuwendung und die Sicherheit, dass das Geschehen im Buch oder auf der Leinwand eine Geschichte ist, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Autorin

Elke Leger ist Mutter von zwei Kindern, Psychologin, Journalistin, Buchautorin und viele Jahre lang Redakteurin einer Familienzeitschrift.


Anschrift

Elke Leger
Hermannstraße 1
30457 Hannover
Telefon 0511/3746808
Fax 0511/4382494
Handy 0170/5403612
Internet: www.elke-leger.de




Letzte Änderung: 24.04.2007 14:13:47Zum Seitenanfang